Sepultura machen Schluss
Nach mehr als 40 Jahren endet eine der wichtigsten Metal-Bands der 90er. Andreas Kisser spricht vom bewussten Abschied, Max Cavalera und Iggor Cavalera wollen offenbar nicht Teil des Finales sein.
Nach mehr als 40 Jahren endet eine der wichtigsten Metal-Bands der 90er. Andreas Kisser spricht vom bewussten Abschied, Max Cavalera und Iggor Cavalera wollen offenbar nicht Teil des Finales sein.
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Ab dem zweiten Blick wird aus der Abschiedsmeldung eine ziemlich interessante Bandgeschichte. Sepultura wurden 1984 in Belo Horizonte gegründet, als harte, junge Antwort auf eine Metal-Welt, die damals noch sehr stark nach USA, England und Europa klang. Max Cavalera und Iggor Cavalera starteten die Band, später wurden Andreas Kisser und Paulo Xisto Pinto Jr. entscheidend für den Sound, der aus Thrash, Death Metal, Hardcore, brasilianischen Rhythmen und politischer Wut etwas machte, das in den 90ern plötzlich weltweit funktionierte.
Mit Alben wie "Beneath the Remains", "Arise", "Chaos A.D." und "Roots" wurden Sepultura zu einer Band, die nicht nur mitspielte, sondern das Spielfeld verschob. Max Cavalera brachte eine rohe Stimme in die Songs, Andreas Kisser schärfte die Gitarrenarbeit, Iggor Cavalera machte das Schlagzeug zu einer eigenen Maschine, und Paulo Xisto Pinto Jr. hielt den Druck zusammen.
Gerade "Roots" war 1996 kein glattes Major-Label-Metalalbum, sondern ein knirschender Zusammenstoß aus Groove, Tribal-Elementen, brasilianischer Identität und maximaler Reibung. Das hat nicht allen gefallen. Genau deshalb ist es wichtig.
Das letzte Konzert von Sepultura soll am 7. November 2026 in der Mercado Livre Arena Pacaembu in São Paulo stattfinden. Der Pacaembu-Komplex hat für Sepultura historischen Wert, weil die Band dort schon in früheren Phasen wichtige Brasilien-Momente erlebt hat. Für eine Gruppe, die ihren internationalen Durchbruch nie von ihrer Herkunft getrennt hat, ist São Paulo deshalb kein zufälliger Endpunkt. Sepultura planen demnach eine Feier ihrer Geschichte, verschiedener Generationen und der brasilianischen Heavy-Music-Szene. Bestätigt sind unter anderem Mike Portnoy von Dream Theater, Alex Skolnick und Chuck Billy von Testament, Phil Demmel, Troy Sanders von Mastodon, Mark Menghi, außerdem Krisiun und Sacred Reich. Dazu sollen frühere Sepultura-Mitglieder wie Jean Dolabella und Jairo Guedz dabei sein.
Für deutsche Fans ist wichtig: Sepultura kommen vor dem endgültigen Finale noch nach Deutschland. Im Sommer 2026 sind im Rahmen der Abschiedstour mehrere Termine angekündigt, darunter Würzburg, Heidelberg, Saarbrücken, Oberhausen, Potsdam und Wacken. Derrick Green und Andreas Kisser bringen die Band also noch einmal auf deutsche Bühnen, bevor in São Paulo endgültig der Stecker gezogen werden soll. Dass Sepultura in Deutschland noch einmal spielen, passt zur Bandgeschichte. Die Gruppe war nie nur ein Export aus Brasilien, sondern über Jahrzehnte eine echte Live-Band für internationale Szenen. Andreas Kisser hat in Interviews immer wieder betont, wie wichtig der Austausch mit verschiedenen Kulturen war. Das hört man auch: Sepultura klangen in den 90ern nicht wie eine Band, die Metal-Regeln brav auswendig gelernt hatte. Sie klangen wie eine Band, die diese Regeln einmal durch den Verstärker geprügelt und danach neu sortiert hat. Deutschland war dabei ein wichtiger Markt, aber nie der Mittelpunkt. Der Mittelpunkt blieb immer die eigene Identität.
Der größte offene Punkt in diesem Abschied heißt nicht Bühne, sondern Familie. Max Cavalera und Iggor Cavalera, die beiden Gründungsmitglieder von Sepultura, werden nach aktuellem Stand offenbar nicht beim finalen Konzert auftreten. Das ergibt sich aus einem Interview von Andreas Kisser mit Metal Hammer, er sagt, dass die Cavalera-Brüder eine Einladung abgelehnt hätten. Andreas Kisser: "Die wollen nicht mitmachen."
Max Cavalera verließ Sepultura Ende 1996 nach internen Konflikten rund um Managementfragen, Iggor Cavalera ging 2006. Seitdem existieren im Grunde zwei Erzählungen nebeneinander: die fortlaufende Geschichte von Sepultura mit Derrick Green am Mikrofon und die Cavalera-Perspektive auf die frühen Klassiker, die Max Cavalera und Iggor Cavalera später auch in eigenen Projekten wieder aufgriffen. Für Fans ist das bis heute eine der klassischen Metal-Debatten: Ist eine Band ihr Name, ihre Songs, ihre Haltung, ihre Gründungsmitglieder oder die aktuelle Besetzung? Bei Sepultura lautet die nervige, aber ehrliche Antwort: wahrscheinlich alles gleichzeitig. Der Konflikt rund um Max Cavalera, Iggor Cavalera und Andreas Kisser ist nicht nur eine alte Band-Akte. Er berührt die Frage, wem das Erbe von Sepultura gehört. Die 90er-Alben "Arise", "Chaos A.D." und "Roots" sind so eng mit Max Cavalera und Iggor Cavalera verbunden, dass viele Fans bei einem finalen Konzert automatisch an eine Reunion denken. Gleichzeitig haben Andreas Kisser, Derrick Green und Paulo Xisto Pinto Jr. die Band über Jahrzehnte weitergetragen, neue Alben gemacht, Touren gespielt.
Derrick Green ist seit 1997 Sänger von Sepultura und damit deutlich länger Teil der Bandgeschichte, als viele Gelegenheitsfans im ersten Moment auf dem Zettel haben. Andreas Kisser wiederum ist seit 1987 dabei und prägt die Gitarren-DNA der Band seit der Frühphase. Wer also das Finale von Sepultura nur als verpasste Cavalera-Reunion liest, macht es sich zu einfach. Wer den Schmerz vieler Fans über das Fehlen von Max Cavalera und Iggor Cavalera komplett abtut, allerdings auch. Genau diese Reibung gehört zu Sepultura.
Die Band hat auch neue Musik im Abschiedskapitel angekündigt. Mehrere Metal-Medien berichten von einer EP mit Greyson Nekrutman, der seit dem Abgang von Eloy Casagrande am Schlagzeug sitzt. Greyson Nekrutman ist damit nicht nur Aushilfe für den letzten Applaus, sondern Teil der letzten Studioaufnahmen. Das ist ein wichtiger Punkt, weil Sepultura damit zeigen: Dieser Abschied ist kein reines Nostalgiepaket, sondern ein aktiver Schlusspunkt. Eloy Casagrande hatte Sepultura kurz vor Beginn der Farewell-Tour verlassen, später wurde er als Schlagzeuger von Slipknot bekannt gegeben. Greyson Nekrutman übernahm danach eine Aufgabe, die undankbarer kaum sein könnte: in eine Band einsteigen, deren Ende bereits verkündet ist, deren Fans aber trotzdem maximale Energie erwarten.
Sepultura vor allem deshalb spannend, weil die Band zeigt, wie offen die 90er musikalisch tatsächlich waren. In einer Dekade, in der Grunge, HipHop, Eurodance, Britpop, Techno und Nu Metal parallel explodierten, fanden auch extreme Metal-Bands neue Räume. Sepultura standen dabei nicht für polierte Crossover-Strategie, sondern für eine härtere, eigenwilligere Variante im 90er-Rock.
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