Happy Birthday, „Endtroducing.....“!
1996 brauchte Joshua Davis alias DJ Shadow weder Band noch Rap-Superstars für ein Album, das HipHop veränderte. Nun zeigt die Neuauflage, warum Sampling große Kunst sein kann.
1996 brauchte Joshua Davis alias DJ Shadow weder Band noch Rap-Superstars für ein Album, das HipHop veränderte. Nun zeigt die Neuauflage, warum Sampling große Kunst sein kann.
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Joshua Davis alias DJ Shadow veröffentlichte „Endtroducing.....“ 1996 als nahezu vollständig aus fremden Aufnahmen konstruiertes Album. Die radikale Sample-Technik machte das Debüt zu einem Schlüsselwerk für Instrumental-HipHop und elektronische Musik. Ihr könnt bei Titel „Endtroducing.....“ natürlich erst einmal über die fünf Punkte stolpern. Nein, da hat niemand beim Tippen die Taste zu lange gedrückt. Und nein, der Praktikant war es auch nicht. DJ Shadow nannte sein Debüt tatsächlich „Endtroducing.....“ – fünf Punkte inklusive. Vor 30 Jahren erschien ein Album, dessen Titel schon andeutete, dass hier Anfang und Ende gleichzeitig stattfinden sollten. Und dessen Musik genau so funktionierte: Alte Platten verschwanden in einem Sampler und kamen als etwas Neues wieder heraus.
Als DJ Shadow „Endtroducing.....“ am 16. September 1996 veröffentlichte, war der Kalifornier kein typischer Popstar auf dem Weg zum großen Debüt. Der Produzent und DJ hatte bereits seit Beginn der 90er mit instrumentalen HipHop-Tracks Aufmerksamkeit bekommen. Das Album sollte diesen Ansatz nicht einfach auf 60 Minuten strecken. DJ Shadow wollte aus Plattenfragmenten eine eigene musikalische Welt bauen – ohne klassische Band und über weite Strecken auch ohne Rapper im Mittelpunkt. Der Titel war dabei programmatischer, als er zunächst klingt. DJ Shadow beschrieb „Endtroducing.....“ später als viertes und abschließendes Kapitel einer Reihe von Arbeiten für das Label, die für ihn einen bestimmten Klang und eine bestimmte Atmosphäre teilten. Das „End“ steckt deshalb bewusst im „Introducing“. Der Titel schaut gleichzeitig nach vorne und macht hinter einer Phase einen Punkt – beziehungsweise gleich fünf.
Das entscheidende Instrument von DJ Shadow war kein Gitarrenverstärker und kein riesiges Studio, sondern vor allem ein Akai MPC60 MKII. Dazu kamen Plattenspieler und vergleichsweise überschaubare Aufnahmetechnik. DJ Shadow nahm kurze Passagen von Schallplatten auf, zerlegte sie, veränderte ihre Reihenfolge, programmierte neue Rhythmen und legte unterschiedliche Fundstücke übereinander. Auf diese Weise entstanden Stücke wie „Building Steam with a Grain of Salt“, „The Number Song“, „Organ Donor“ und „Midnight in a Perfect World“. Dabei war die Idee des Samplings 1996 natürlich längst nicht neu. HipHop basierte seit seinen Anfängen auf dem kreativen Umgang mit vorhandenen Aufnahmen, und Produzenten hatten schon Jahre vor DJ Shadow komplexe Sample-Collagen gebaut. Das Besondere an „Endtroducing.....“ war die Konsequenz: Joshua Davis alias DJ Shadow behandelte das Sampeln nicht bloß als Methode, um einen Beat unter einen Rap zu legen. Die Samples waren Melodie, Rhythmus, Atmosphäre, Geräusch, Dramaturgie und teilweise sogar Erzähler des Albums.
Genau deshalb funktioniert „Endtroducing.....“ bis heute nicht wie eine musikalische Schnitzeljagd nach dem Motto: Erkennt Ihr diese Platte? DJ Shadow nahm Material aus Jazz, Soul, Funk, Rock, HipHop und anderen Genres, doch die ursprünglichen Quellen verlieren im neuen Zusammenhang häufig ihre alte Funktion. Das Album wurde später sogar vom Guinness World Records als erstes vollständig aus Samples konstruiertes Album gewürdigt. Ganz ohne Fußnote kommt diese schöne Rekordgeschichte allerdings nicht aus: Auf „Endtroducing.....“ finden sich auch kleinere eigens aufgenommene Beiträge. Der Kern der Aussage bleibt trotzdem richtig. Das musikalische Material von DJ Shadow stammt nahezu vollständig aus bereits existierenden Aufnahmen – und genau diese radikale Beschränkung wurde zum Markenzeichen der Platte.
Der Einfluss von DJ Shadow blieb deshalb nicht innerhalb des HipHop. Einer der spannendsten Fälle führt direkt zu Radiohead. DJ Shadow erinnerte sich später im Gespräch mit Pitchfork daran, Radiohead Ende 1996 oder Anfang 1997 bei einer Veranstaltung des Magazins Dazed & Confused getroffen zu haben. Die Band habe ihm dort erzählt, sie sei großer Fan von „Endtroducing.....“. Für DJ Shadow war das damals überraschend, weil sich Rock und seine eigene musikalische Welt aus seiner Sicht noch deutlich stärker voneinander abgrenzten als später. Noch interessanter wurde die Sache danach. DJ Shadow sagte gegenüber Pitchfork, Radiohead hätten in späteren Interviews öffentlich über den Einfluss von „Endtroducing.....“ gesprochen. Gleichzeitig hörten DJ Shadow und sein Labelchef James Lavelle bereits vor Veröffentlichung eine Vorabkassette von „OK Computer“. DJ Shadow erinnerte sich sinngemäß an den Gedanken: Genau in diese Richtung wollten auch sie gehen. Zwei musikalische Welten beobachteten sich also gegenseitig.
Genau hier bekommt die Erfolgsgeschichte allerdings einen interessanten Riss. Die Technik, mit der DJ Shadow berühmt wurde, entwickelte sich auch zum geschäftlichen Problem. Wer fremde Aufnahmen nutzt, benötigt für kommerzielle Veröffentlichungen häufig Rechtefreigaben und muss Anteile an Rechteinhaber abgeben. Aus dem kreativen Baukasten kann damit schnell eine komplizierte Mischung aus Verträgen, Kosten und Eigentumsfragen werden. 2026 sprach DJ Shadow in einem Interview offen darüber. Er habe sich zeitweise gefragt, ob ihm am Ende vielleicht nur noch 15 Prozent seines eigenen Katalogs gehörten.
Auf seiner Website schrieb DJ Shadow, der 30. Geburtstag habe die Entscheidung zu einem „no-brainer“ gemacht. Am 18. Dezember 2026 soll „Endtroducing.....“ im Londoner Barbican gemeinsam mit dem BBC Symphony Orchestra und dem BBC Symphony Chorus neu interpretiert werden. Joshua Davis alias DJ Shadow steht dabei an den Turntables, während Jules Buckley das Material für Orchester und Chor neu arrangiert.
„Endtroducing.....“ war ursprünglich also ein Album, auf dem Joshua Davis alias DJ Shadow vorhandene Aufnahmen auseinandernahm und in neue Zusammenhänge setzte. 30 Jahre später geschieht mit dem Album selbst dasselbe: Joshua Davis alias DJ Shadow nimmt die eigene Vergangenheit als Ausgangsmaterial und lässt sie neu arrangieren. Das ist deutlich interessanter als eine Jubiläumstour, bei der einfach nur die alte Platte in der richtigen Reihenfolge nachgespielt wird.