The Avalanches
IMAGO / Jan Huebner
The Avalanches
23.09.2026

The Avalanches: Neues Album im Oktober

Für Robbie Chater und Tony Di Blasi schließt sich damit ein Kreis zu „Since I Left You“: Damals wurde Pop aus Plattenfunden gebaut, heute aus Werbejingles, Gerätesounds und der Klangwelt der 90er.

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Das ist bei Robbie Chater und Tony Di Blasi keine zufällige Themenwahl. The Avalanches haben ihre musikalische Identität schließlich daraus entwickelt, bereits vorhandene Klänge aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang zu reißen und in neue Geschichten einzubauen. Neu ist 2026 weniger die Methode als das Objekt der Untersuchung: Statt sich nur durch alte Soul-, Disco- oder Easy-Listening-Platten zu graben, schauen Robbie Chater und Tony Di Blasi darauf, wie kommerzielle Sounds selbst zu Erinnerungen geworden sind. Ausgerechnet Werbung wird damit zum Rohstoff für Pop. Robbie Chater und Tony Di Blasi sehen darin allerdings nicht einfach nur charmante Retro-Unterhaltung. Die Avalanches beschreiben die Werbewelt früherer Jahrzehnte als eine Phase enormer Kreativität in Musik. Genau da wird die Sache interessanter als ein Album voller lustiger Windows-Piepser: The Avalanches beschäftigen sich mit der Frage, warum sich kommerziell erzeugte Erinnerungen trotzdem persönlich anfühlen können.

Heute schon für den 90s90s Countdown abgestimmt?

The Avalanches - Can't Get Over Losing You ft. Portraits Of Tracy
The Avalanches - Can't Get Over Losing You ft. Portraits Of Tracy

Warum passt „No Bad Memories“ so gut zu The Avalanches?

Weil Robbie Chater und Tony Di Blasi im Grunde seit Jahrzehnten mit Erinnerungen arbeiten. Bei The Avalanches war ein Sample nie bloß ein hübsches Zitat für Musiknerds. Entscheidend ist, was passiert, wenn ein alter Klang seinen ursprünglichen Zusammenhang verliert. Auf „Since I Left You“ konnten Robbie Chater und der damalige zentrale Bandkollege Darren Seltmann aus winzigen Fundstücken eine komplett neue Welt bauen. Auf „No Bad Memories“ wird nun schon das Erinnern selbst zum Thema. Die Vorboten zeigen außerdem, dass Robbie Chater und Tony Di Blasi die Idee nicht als reine Sample-Fingerübung verstehen. Auf „Can’t Get Over Losing You“ arbeitet The Avalanches mit der US-amerikanischen Musikerin Portraits of Tracy zusammen. Zuvor erschienen bereits „Blue Shadows“ mit Karen O, „Every Single Weekend“ mit Jamie xx sowie „Together“ mit Nikki Nair, Jessy Lanza und Prentiss.

The Avalanches - Since I Left You
The Avalanches - Since I Left You

„Since I Left You“ steht genau an der richtigen Stelle

Sind die Avalanches eine 90er-Band? Ja, wenn man ein kleines bisschen großzügig mit dem Kalender umgeht. „Since I Left You“ erschien in Australien am 27. November 2000; die internationale Veröffentlichung folgte 2001. Musikalisch gehört das Album trotzdem unmittelbar zur Sample-Kultur der 90er. Robbie Chater und Darren Seltmann hatten bereits 1999 an dem Material gearbeitet, und die ästhetischen Voraussetzungen waren eindeutig in dem Jahrzehnt entstanden, in dem Sampling endgültig vom Produktionswerkzeug zur eigenen Kunstform geworden war. „Since I Left You“ ist eines der Alben, die die Sample-Kultur der 90er auf die Spitze trieben und gleichzeitig ins neue Jahrtausend führten. The Avalanches bauten ihr Debüt aus Hunderten, vermutlich sogar Tausenden Samples zusammen – aus Disco, Soul, Easy Listening, HipHop und allerlei obskuren Plattenfunden – und Robbie Chater und Darren Seltmann machten daraus keinen bloßen Retro-Mix, sondern eine eigene, durchgehende Klangwelt. Damit steht das 2000 erschienene Album am Ende einer Entwicklung, die in den 90ern mit Acts wie De La Soul, DJ Shadow oder den Beastie Boys groß geworden war: Musik als Collage, bei der vorhandene Aufnahmen zu etwas völlig Neuem zusammengesetzt werden.

Wie bauten The Avalanches ein Album aus Tausenden Samples?

Robbie Chater und Darren Seltmann arbeiteten Ende der 90er mit technischen Mitteln, die heute fast überschaubar wirken. Für „Since I Left You“ spielten bei The Avalanches unter anderem Akai-Sampler und ein digitales Yamaha-Mischpult eine zentrale Rolle. Entscheidend war aber nicht die Menge der Geräte, sondern die Menge des Materials: Robbie Chater und Darren Seltmann durchsuchten Platten, schnitten winzige Momente heraus, kombinierten diese neu und tauschten ihre Ideen untereinander aus. Aus der kleinteiligen Arbeit entstand schließlich ein Album, das weitgehend wie ein einziger langer Mix funktioniert.

Every Sample From The Avalanches Wildflower
Every Sample From The Avalanches Wildflower

Das Problem steckte im Copyright

Der kreative Freiraum hatte für Robbie Chater und Darren Seltmann allerdings eine sehr konkrete Grenze: Rechte müssen geklärt werden. Während The Avalanches an „Since I Left You“ arbeiteten, rechneten die Musiker zunächst nicht damit, dass daraus ein international veröffentlichtes Erfolgsalbum werden würde. Entsprechend lückenhaft wurde dokumentiert, welche Sounds aus welchen Quellen stammten. Spätestens als die internationale Veröffentlichung anstand, wurde aus dem spielerischen Sampling für Robbie Chater und Darren Seltmann eine juristische und organisatorische Aufgabe. Die internationale Fassung von „Since I Left You“ unterschied sich deshalb teilweise von der ursprünglichen australischen Veröffentlichung. Nicht jedes Sample, das Robbie Chater und Darren Seltmann verwenden wollten, konnte für alle Märkte freigegeben werden. Die Veröffentlichung außerhalb Australiens verzögerte sich bis 2001. Was auf dem Album von The Avalanches nach völliger Freiheit klingt, entstand also ausgerechnet in einem System aus Rechteklärung, Verhandlungen und teilweise notwendigen Änderungen.

Nach „Since I Left You“ dauerte es 16 Jahre, bis The Avalanches mit „Wildflower“ ein zweites Album veröffentlichten. Sample-Clearance war nicht der einzige Grund dafür: Robbie Chater sprach auch über schwere gesundheitliche Probleme, Perfektionismus und die enorme Menge an Material. Trotzdem zeigt diese ungewöhnlich lange Pause, welchen Preis die Methode haben konnte. Tony Di Blasi und Robbie Chater mussten irgendwann entscheiden, ob die Arbeitsweise von „Since I Left You“ tatsächlich für immer das Modell der Band bleiben sollte.

Wurde der größte Erfolg für The Avalanches zum Problem?

Genau das ist der interessante Konflikt in der Geschichte von The Avalanches. „Since I Left You“ öffnete Robbie Chater alle Türen und blockierte gleichzeitig einige davon. Je größer der Ruf des Debüts wurde, desto schwerer war ein Nachfolger vorstellbar. Tony Di Blasi sagte 2020 gegenüber NME, der Schatten von „Since I Left You“ sei Jahr für Jahr größer geworden. Robbie Chater wiederum habe lange vor allem gehört, was er selbst auf dem Album hätte besser machen können. Robbie Chater erklärte damals, samplebasierte Musik sei außergewöhnlich zeitaufwendig. Das ist mehr als eine Produktionsnotiz. Für The Avalanches bedeutete es, dass die eigene berühmteste Methode irgendwann gegen ein normales Musikerleben arbeitete. Wer Tausende Fragmente sammelt, sortiert, bearbeitet und anschließend rechtlich klären muss, produziert eben nicht automatisch alle zwei Jahre die nächste Platte. Tony Di Blasi und Robbie Chater mussten aus dem Sound, der die Band definiert hatte, erst wieder einen Arbeitsprozess machen, mit dem sich dauerhaft leben ließ.

Robbie Chater (The Avalanches)
  IMAGO / Jan Huebner
Robbie Chater (The Avalanches)

Robbie Chater hat Frieden mit dem Debüt gemacht

Das Verhältnis von Robbie Chater zu „Since I Left You“ hat sich entsprechend verändert. 2020 sagte Robbie Chater, er habe inzwischen eine gute Beziehung zu dem Album. Für Robbie Chater klinge es nach einer sehr jungen Version seiner selbst: naiv, unmittelbar und voller Freude. Tony Di Blasi erinnerte im selben Gespräch daran, wie sehr das Album über die Jahre ein Eigenleben entwickelt hatte. Diese Distanz erklärt vielleicht auch, warum Robbie Chater und Tony Di Blasi 2026 so selbstverständlich wieder mit Erinnerung spielen können. „No Bad Memories“ wirkt zumindest nach der bisherigen Beschreibung nicht wie der Versuch von The Avalanches, noch einmal „Since I Left You“ herzustellen. Interessanter ist, dass die Band ein ähnliches Prinzip auf eine andere Ebene hebt. Damals nahmen Robbie Chater und Darren Seltmann gespeicherte Musik auseinander. Heute untersuchen Robbie Chater und Tony Di Blasi, wie gespeicherte Klänge Menschen prägen. Darin steckt für The Avalanches auch eine ziemlich zeitgemäße Frage. Nostalgie wird heute permanent vermarktet: alte Logos kommen zurück, jahrzehntealte Songs landen durch Serien oder kurze Clips wieder in den Charts, Marken reaktivieren Sounds aus der Kindheit ihrer Kundschaft. Robbie Chater und Tony Di Blasi interessieren sich bei „No Bad Memories“ offensichtlich für die unscharfe Grenze zwischen echter persönlicher Erinnerung und kommerziell erzeugtem Wiedererkennungseffekt. Ein Jingle von damals war schließlich nie für die Seele komponiert. Er sollte Zahnpasta verkaufen. Wir werden bald hören, welche Gefühle diese Sounds noch heute auslösen können.